DIE
KUNST ZU LEBEN
Vipassana-Meditation nach
S.N. GOENKA
Vorwort
S.N. GOENKA ist Lehrer der
Vipassana-Meditation
in der Tradition des 1971 verstorbenen burmesischen Meditationsmeisters
Sayagyi U Ba Khin.Aus einer indischen Familie stammend, wurde
Mr. Goenka in Burma geboren und aufgezogen. Als junger Mann
hatte er das Glück, dort mit Sayagyi U Ba Khin in Kontakt zu
kommen und von ihm die Vipassana-Technik zu erlernen. Nach vierzehn
Jahren der Schulung durch seinen Lehrer siedelte Mr. Goenka
nach Indien um und begann 1969 Vipassana zu lehren.In diesem
noch immer in Kasten und religiöse Gruppen geteilten Land haben
Mr. Goenkas Kurse Tausende von Menschen aller Schichten und
Bekenntnisse angezogen. Auch Tausende von Menschen aus anderen
Ländern, von dem praktischen Charakter der Technik angesprochen,
haben an Vipassana-Kursen teilgenommen.Mr. Goenka hat Tausende
von Menschen in Hunderten von 10-Tage-Kursen in Indien und anderen
Ländern, im Osten wie im Westen, gelehrt. 1982 begann er, Assistenzlehrer
zu ernennen, die ihm dabei helfen sollen, dem steigenden Bedarf
an Kursen gerecht zu werden. Heute werden überall in der Welt
regelmäßig Kurse abgehalten und viele Meditationszentren wurden
unter seiner Leitung aufgebaut.Die von Mr. Goenka gelehrte Technik
repräsentiert eine Tradition, die sich bis zum Buddha zurückverfolgen
lässt. Der Buddha lehrte keine Religion, kein sich gegen andere
abgrenzendes Glaubenssystem; er lehrte Dhamma - den universellen
Weg zur Befreiung, der von jedem beschritten werden kann. Auf
dieser Grundlage stehend, hält Mr. Goenka seine Kurse frei von
aller konfessionellen Färbung, was dazu beiträgt, dass die Kurse
eine große Anziehungskraft auf Menschen jeglicher Herkunft,
jeglichen Alters, jeglichen Hintergrundes ausüben. Zu seinen
Kursen kommen Menschen jeglichen Bekenntnisses und jeglicher
Hautfarbe, aus allen Teilen der Welt.Der folgende Artikel basiert
auf einem öffentlichen Vortrag, den S.N. Goenka 1980 in Bern
(Schweiz) hielt.
Jeder sucht Frieden
und Harmonie. Im normalen Leben fehlt
es meist an beidem. Jeder ist von Zeit zu Zeit unruhig, irritiert,
unharmonisch oder leidend. Und wer sich in so einer negativen
Phase befindet, behält diese Stimmung nicht für sich, sondern
verbreitet die Misere in seiner ganzen Umgebung. Bei jedem Kontakt
mit anderen wird ein Teil der Irritation, der Spannung und des
Frustes übertragen. Dies ist sicherlich nicht die rechte Art zu
leben.
Man sollte
in Frieden mit sich selbst und mit allen anderen leben. Der Mensch
ist schließlich ein soziales Wesen. Man lebt in der Gesellschaft
und muss sich mit den anderen auseinandersetzen. Die Frage ist,
wie kann man in Frieden leben, wie harmonisch in sich ruhen, wie
Frieden und Harmonie in seinem Umfeld aufrechterhalten? Man ist
unruhig. Um die Unruhe zu überwinden, muss man den Ursprung der
Unruhe, die Ursache der Unzufriedenheit kennen. Eine sorgfältige
Untersuchung des Problems zeigt, dass Irritation und Unruhe immer
dann erscheinen, wenn Negativität oder Unreinheit den Geist bestimmen,
denn Negativität kann nicht gleichzeitig mit Frieden und Harmonie
existieren.
Und wie beginnen
die Negativitäten? Bei genauer Betrachtung stelle ich fest, dass
ich immer dann unglücklich werde, wenn sich jemand auf eine Art
und Weise verhält, die ich nicht mag, oder wenn etwas passiert,
das ich nicht mag: Etwas Unerwünschtes geschieht, und ich verspanne
mich. Etwas Erwünschtes findet nicht statt, irgendetwas hat es
verhindert, und wieder verspanne ich mich, beginne mich innerlich
zu verknoten. Solange man lebt, geschehen Dinge, die man nicht
mag - Erwünschtes mag manchmal eintreten, aber oft auch nicht
- und immer wieder reagiert man mit Verspannungen, mit Verknotungen.
Es sind diese Reaktionen, die das Leben so negativ, unglücklich,
schlicht: miserabel machen.
Das Problem
ließe sich lösen, könnte ich alles so arrangieren, dass nichts
Unerwünschtes, sondern nur Erwünschtes geschähe, wenn alles genauso
abliefe wie gewollt. Hierzu müsste ich soviel Macht entwickeln,
dass ich über alles Kontrolle hätte, oder jemand mit solcher Macht
müsste mir immer zu Hilfe kommen, wenn ich es wünschte. Aber das
ist natürlich unmöglich. Niemandem auf der ganzen Welt werden
immer alle Wünsche erfüllt. In keinem Leben geschieht nur Gewolltes.
Immer wieder geschieht auch Unerwünschtes. Angesichts all dieser
Widrigkeiten gilt es also, einen Weg zu finden, nicht mehr blindlings
zu reagieren und sich zu verspannen, sondern friedlich und harmonisch
zu bleiben.
Weise und
Heilige in Indien und anderswo haben dieses Problem studiert und
eine Lösung gefunden: Wann immer man auf etwas Ungewolltes mit
Ärger, Furcht oder sonst einer Negativität reagiert, sollte man
sich sofort ablenken: die Aufmerksamkeit auf etwas anderes richten,
z.B. aufstehen, ein Glas Wasser holen und trinken. So vervielfältigt
sich der Ärger nicht und vergeht. Oder man kann anfangen zu zählen:
1, 2, 3, 4 oder ein Wort, einen Satz, vielleicht ein Mantra, immer
wieder wiederholen - was gut geht mit dem Namen einer verehrten
Gottheit oder eines verehrten Heiligen. Durch diese Aktivitäten
wird der Geist abgelenkt, und man kommt zu einem gewissen Grad
aus dem Ärger, der Irritation heraus. Diese Lösung half früher
und hilft auch heute noch. Jeder, der sie anwendet, beruhigt sich.
Aber diese Lösung funktioniert nur auf der bewussten Ebene des
Geistes. In Wirklichkeit drückt man die Negativität durch die
Ablenkung tiefer ins Unbewusste, wo sie ihr Eigenleben entwickelt.
An der Oberfläche hat sich eine Schicht von Frieden und Harmonie
gebildet, aber in der Tiefe liegen wie schlafende Vulkane diese
unterdrückten Negativitäten,
die von Zeit zu Zeit in gewaltigen Ausbrüchen explodieren können.
Andere, die
die innere Wirklichkeit erforscht haben, gingen in ihrer Suche
tiefer und erkannten im eigenen inneren Erleben der Realität von
Geist und Körper, dass Ablenken nur ein Weglaufen vor dem Problem
ist. Flucht ist keine Lösung, man muss sich dem Problem stellen.
Man muss sich jeder auftauchenden Negativität entgegenstellen.
Man muss sie beobachten. Jede geistige Unreinheit verliert an
Stärke, sobald man sie beobachtet. Sie klingt ab und verschwindet.
Diese Lösung
vermeidet die beiden Extreme: entweder etwas zu unterdrücken oder
aber ihm freien Lauf zu lassen. Die Negativität im Unbewussten
zu bewahren, löst sie nicht auf, und sie in Worten und Taten auszuleben,
führt zu neuen Problemen. Einfaches Beobachten hingegen führt
dazu, dass die Unreinheit schwächer und schwächer wird und schließlich
ganz verschwindet - man ist von ihr befreit.
Das hört
sich wunderbar an, aber ist es auch praktikabel? Aufsteigender
Ärger zum Beispiel überwältigt uns, ehe wir uns dessen gewahr
werden, und während der Ärger uns in seiner Gewalt hat, lassen
wir uns leicht zu Äußerungen oder Handlungen hinreißen, die uns
selbst und anderen schaden. Später, wenn der Ärger abgeklungen
ist, bedauern wir, was wir getan haben, bereuen es und bitten
Gott oder jene betroffene Person um Verzeihung: Oh, ich habe einen
Fehler gemacht. Ich bitte um Entschuldigung.Aber wenn wir dann
irgendwann wieder in eine ähnliche Situation geraten, reagieren
wir wieder auf dieselbe Weise. Bereuen und Klagen hilft uns nicht
weiter, ganz und gar nicht. Das Problem besteht darin, dass uns
der Moment der Entstehung der Unreinheit nicht bewusst ist. Sie
entsteht und wächst uns blitzschnell über den Kopf, und wir können
sie nicht beobachten. Sollte ich also einen Privatsekretär anheuern,
der aufpasst und mich, sobald z.B. Ärger entsteht, warnt: ”Achtung
Herr! Ärger!” Da Ärger jederzeit entstehen kann, bräuchte ich
einen Rund-um-die-Uhr-Service von drei Privatsekretären - oder
gar vier oder fünf denn
keiner wird länger als acht Stunden arbeiten, und Urlaub brauchen
sie schließlich auch! Wer kann sich das leisten!
Und selbst
wenn ich es mir leisten könnte und einen Geisteswächter wie einen
Schatten ständig neben mir hätte, wäre das Problem noch nicht
gelöst. Nehmen wir einmal an, Ärger entstünde, und mein Privatsekretär
warnte mich: Achtung, Herr, Ärger! Meine erste Reaktion wäre,
ihn zu ohrfeigen und anzuschreien: Für wen hältst du dich eigentlich!
Bezahl‘ ich dich, damit du mir Vorschriften machst?!” Wen der
Ärger in seiner Gewalt hat, dem kann kein noch so guter Rat helfen.
Selbst wenn
Einsicht überwiegt und ich ihn nicht ohrfeige, sondern statt dessen
sage: "Vielen Dank, dass du aufgepasst hast. Jetzt muss ich
mich hinsetzen und diesen Ärger beobachten.” Ist das überhaupt
möglich? Sowie ich meine Augen schließe und versuche, den Ärger
zu beobachten, kommt mir das Objekt meines Ärgers in den Sinn
- die Person oder der Vorfall, über den ich mich geärgert habe
- und dann beobachte ich nicht den Ärger selbst, sondern lediglich
den äußeren Anlass, den Auslöser dieses Gefühlsausbruches. Das
aber stimuliert den Ärger nur, es vervielfältigt ihn, anstatt
ihn aufzulösen. Es ist sehr, sehr schwierig, eine Negativität
des Geistes, eine starke Emotion abstrakt, das heißt isoliert
von ihrem äußeren Anlass zu betrachten.
Einer, der
die letzte Wahrheit, die vollkommene Erleuchtung erreicht hatte,
fand eine anwendbare Lösung des Problems. Er entdeckte, dass immer,
wenn eine Negativität im Geist entsteht, sich gleichzeitig zwei
Dinge auf der körperlichen Ebene abspielen. Zum einen verliert
der Atem seinen normalen Rhythmus: Wann immer eine Negativität
im Geist auftaucht, wird der Atem härter, unruhiger - das kann
jeder leicht an sich selbst beobachten. Zum anderen beginnen auf
subtilerer Ebene biochemische Vorgänge im Körper abzulaufen, die
sich als diese oder jene Empfindung wahrnehmen lassen. Jede Beunruhigung
des Geistes ruft die eine oder andere Empfindung im Körper hervor.
Eine praktikable
Lösung war gefunden. Eine aufsteigende Negativität abstrakt zu
beobachten – abstrakte Angst, Wut oder Leidenschaft - ist äußerst
schwierig. Aber mit etwas Schulung und Übung wird es einfach,
die Begleiterscheinungen des Problems zu erkennen und zu beobachten:
den Atem und die Empfindungen im Körper – beide stehen in direktem
Zusammenhang mit den geistigen Unreinheiten.
Die Atmung
und die Empfindungen werden mir auf zweierlei Weise helfen. Erstens
werden sie meine Privatsekretäre sein: Sobald eine Unreinheit
im Geist auftaucht, verliert mein Atem seinen normalen Rhythmus
und wird mir zurufen: “Achtung, hier stimmt was nicht!” Den Atem
kann ich nicht ohrfeigen, ich muss seine Warnung akzeptieren.
In gleicher Weise werden mir die Empfindungen anzeigen, dass etwas
schiefgelaufen ist. So gewarnt, kann ich anfangen, meinen Atem,
meine Empfindungen zu beobachten, und die Unreinheiten werden
sehr schnell vergehen.
Dieses geistig-körperliche
Phänomen ist wie eine doppelseitige Münze. Auf der einen Seite
sind all die Gedanken und Emotionen, die im Geist auftauchen.
Auf der anderen Seite sind der Atem und die Empfindungen im Körper.
Jeder Gedanke, jede Emotion - bewusst oder unbewusst - jede geistige
Unreinheit manifestiert sich im Atem und in der Empfindung dieses
Moments. Indem ich die Atmung oder die Empfindungen beobachte,
beobachte ich daher indirekt die geistigen Unreinheiten. Anstatt
vor dem Problem davonzulaufen, stelle ich mich der Wirklichkeit,
wie sie ist. Dann werde ich feststellen, dass die Unreinheit ihre
Kraft verliert: sie kann mich nicht mehr überwältigen, wie sie
es in der Vergangenheit tat. Wenn ich beharrlich weiterarbeite,
wird diese Unreinheit schließlich ganz vergehen und meinen Frieden
und meine Ausgeglichenheit nicht mehr stören können.
Auf diese
Weise zeigt uns die Technik der Selbstbeobachtung die zwei Seiten
der Realität: die innere und die äußere Wirklichkeit. Bisher schaute
ich immer nur mit offenen Augen nach außen und übersah die innere
Wahrheit. Ich suchte den Grund für mein Unglücklichsein immer
nur außen. Weil ich mir meiner inneren Wirklichkeit nicht bewusst
war, konnte ich nicht begreifen, dass der Grund meines Leidens
in mir liegt, in meinen eigenen blinden Reaktionen.
Jetzt kann
ich, mit etwas Übung, die andere Seite der Medaille sehen. Ich
kann bewusst wahrnehmen, was mit meinem Atem, was in meinem Körper
geschieht. Ob Atem oder irgendwelche Empfindungen - ich kann lernen,
sie objektiv zu beobachten, ohne die Balance des Geistes, ohne
den Gleichmut zu verlieren. Auf diese Weise höre ich auf, blindlings
zu reagieren, höre auf, meine Misere zu multiplizieren. Ich erlaube
den Unreinheiten, sich zu manifestieren und löse sie durch Beobachtung
auf.
Je mehr man
diese Technik der Selbstbeobachtung praktiziert, desto klarer,
desto deutlicher merkt man, wie schnell man sich von einer bestimmten
Unreinheit lösen kann. Nach und nach wird der Geist von allen
Unreinheiten befreit. Er wird rein und klar, und ein reiner Geist
verströmt Liebe, uneigennützige Liebe für andere, ist stets voller
Mitgefühl für die Fehler und Leiden anderer, voller Freude über
ihre Erfolge und ihr Glück und bewahrt Gleichmut gegenüber jedweder
Situation.
Die Verhaltensweise
eines jeden, der dieses Stadium erreicht hat, ändert sich völlig.
Für so einen Menschen ist es unmöglich, etwas zu sagen oder etwas
zu tun, das den Frieden oder die Harmonie anderer stört. Er wird
nicht nur mit sich selbst in Frieden und Harmonie leben, sondern
auch anderen helfen, Frieden zu gewinnen. Die gesamte Atmosphäre
um eine solche Person ist von Frieden und Harmonie durchdrungen
und beeinflusst alle, die in ihren Umkreis kommen.
Das ist es,
was der Buddha lehrte: eine Kunst, zu leben. Er gründete keine
Religion, lehrte keinen ”Ismus”. Er wies seine Schüler niemals
an, irgendwelche Riten, Rituale oder leere Zeremonien auszuführen.
Statt dessen lehrte er, die Natur zu beobachten, wie sie ist,
indem man die Realität in sich selbst betrachtet. Solange man
nicht weiß, was in einem wirklich geschieht, reagiert man auf
eine Weise, die einem selbst und anderen schadet. Erst wenn sich
die Weisheit entwickelt, die Wirklichkeit so zu beobachten, wie
sie ist, kann man von der Gewohnheit, unbewusst zu reagieren,
ablassen. Sobald man nicht mehr blindlings reagiert, ist man in
der Lage, positiv zu agieren und zu handeln. Dann erwachsen alle
Handlungen aus einem gleichmütigen, ausgeglichenen Geist, einem
Geist, der die Wahrheit sieht und versteht. Und solche Handlungen
können nur gut, kreativ und hilfreich für einen selbst und andere
sein.
Es ist also
notwendig, sich selbst zu erkennen - ein Rat, den alle Weisen
gegeben haben. Aber es reicht nicht aus, Selbsterkenntnis nur
auf intellektueller Ebene zu erlangen, auf der Ebene von Ideen
und Theorien. Gemeint ist hier auch nicht das Wissen, das auf
der gefühlsmäßigen Ebene gewonnen wird und sich auf Glauben und
Vertrauen gründet - blindlings glauben, weil man etwas gehört
oder gelesen hat, ist nicht genug. Man muss die Realität auf der
wirklichen Ebene kennenlernen. Man muss die Realität des eigenen
Geist-Körper-Phänomens direkt erfahren. Nur diese eigene Erfahrung
hilft, aus den Unreinheiten, aus dem Leiden herauszukommen.
Diese unmittelbare
Erfahrung der eigenen Realität, diese Technik der Selbstbeobachtung
wird ‚Vipassana‘-Meditation genannt. In der Sprache Nordindiens,
die zu Lebzeiten des Buddha gesprochen wurde, bedeutete das Wort
passana ‚sehen‘, auf ganz normale Weise, mit offenen Augen; Vipassana
jedoch heißt, auf eine besondere Weise zu schauen, nämlich die
Dinge so zu betrachten, wie sie wirklich sind, und nicht, wie
sie zu sein scheinen. Die scheinbare, oberflächliche Wahrheit
muss durchdrungen werden, bis man zur letzten Wahrheit bezüglich
des Geist-Körper-Phänomens gelangt. Wenn man diese Wahrheit erlebt,
lernt man, die blinden Reaktionen zu unterbinden und keine neuen
Unreinheiten mehr entstehen zu lassen, wodurch Raum geschaffen
wird, die alten Unreinheiten schrittweise abzubauen. In dem Maße,
wie sie abgebaut werden, wird man von seinen Miseren befreit.
Das Training,
das während eines Meditationskurses durchgeführt wird, verläuft
in drei Stufen: Als erstes muss man versprechen, sich vorzunehmen,
alle verbalen und körperlichen Handlungen, die den Frieden und
die Harmonie anderer stören, zu unterlassen. Man kann die Arbeit,
sich von allen Unreinheiten des Geistes zu befreien, nicht leisten,
wenn man gleichzeitig weiterhin durch sein Reden und Handeln eben
diese Unreinheiten vermehrt. Deshalb ist der erste notwendige
Schritt der Praxis die Einhaltung einiger sittlicher Regeln. Man
nimmt sich vor, während der zehn Tage des Kurses nicht zu töten,
nicht zu stehlen, auf jegliche sexuelle Aktivität zu verzichten,
nicht zu lügen und keinerlei Rauschmittel zu sich zu nehmen. Indem
man sich all dieser Aktivitäten enthält, ermöglicht man dem Geist,
sich wenigstens soweit zu beruhigen, dass er die anstehende Aufgabe
angehen kann.
Der zweite
Schritt gilt der Entwicklung einer gewissen Herrschaft über den
Geist. Zu diesem Zweck schult man den Geist, sich auf nur ein
Objekt zu konzentrieren: den Atem. Man versucht, die Aufmerksamkeit
solange wie möglich ohne Unterbrechung auf den Atem gerichtet
zu halten. Das ist keine Atemübung, man reguliert den Atem nicht,
sondern man betrachtet den natürlichen Atem, wie er kommt und
wie er geht. Auf diese Weise wird der Geist ruhiger und ruhiger
und kann nicht mehr von zerstörerischen Negativitäten übermannt
werden. Gleichzeitig wird der Geist konzentrierter, schärfer und
feinfühliger – er wird bereit für die Aufgabe, Einsicht zu entwickeln.
Die beiden
ersten Schritte – einerseits ein sittliches Leben zu führen und
andererseits den Geist beherrschen zu lernen – sind unabdingbar
für die weitere Arbeit. Sie allein sind schon ein Fortschritt
und sehr hilfreich, aber sie führen zur Unterdrückung, zur Verdrängung
der Unreinheiten, wenn der dritte Schritt ungetan bleibt. Der
dritte Schritt ist die Läuterung des Geistes von Unreinheiten
durch die Entwicklung von Einsicht in die eigene Natur. Das ist
Vipassana - das Erleben der eigenen Realität durch systematische
und objektive Beobachtung des sich ständig wandelnden Geist-Körper-Phänomens,
das sich in verschiedenen Empfindungen im eigenen Körper manifestiert.
Das ist der Kern der Lehre des Buddha: Selbstläuterung durch Selbstbeobachtung
Dies kann
von jedem praktiziert werden. Jeder muss sich mit bestimmten Leiden
auseinandersetzen. Es ist eine universelle Krankheit, die eines
universellen Heilmittels bedarf – nicht eines, das an bestimmte
Konfessionen oder Weltanschauungen gebunden ist. Wenn man an Ärger
leidet, ist das nicht buddhistischer, christlicher, islamischer
oder jüdischer Ärger. Ärger ist Ärger, und die aus dem Ärger resultierende
Unruhe ist ebenfalls weder christlich noch buddhistisch. Das Übel
ist universell, also muss auch das Heilmittel universell sein.
Vipassana
ist ein solch universelles Heilmittel. Niemand wird etwas gegen
einen Satz von Lebensregeln sagen, die den Frieden und die Harmonie
aller Mitmenschen respektieren. Niemand wird etwas gegen geistige
Selbstbeherrschung einwenden. Niemand wird etwas dagegen haben,
Einsicht in die eigene Realität zu entwickeln, Einsicht, durch
die man zur letzten Wahrheit über Geist und Körper vordringen
und den Geist von Negativitäten befreien kann. Vipassana ist ein
universeller Pfad, kein Kult, kein Dogma, kein blinder Glaube.
Die Realität
zu betrachten, wie sie wirklich ist, indem man die Wahrheit im
Innern anschaut – das heißt, sich selbst auf der wirklichen Ebene,
der Ebene tatsächlichen Erlebens zu erkennen. Durch regelmäßige
Ausübung der Technik kommt man nach und nach aus dem durch die
Unreinheiten verursachten Leiden heraus. Von der groben, offensichtlichen
Wahrheit dringt man zu feineren und feineren Wahrheiten vor, bis
man zur letztendlichen Wahrheit von Geist und Materie gelangt.
Transzendiert man auch diese, erlebt man eine Wahrheit, die jenseits
von Geist und Materie, Raum und Zeit, jenseits des Bedingten und
Relativen liegt: die Wahrheit vollkommener Befreiung von allen
Unreinheiten, allem Leiden. Welchen Namen man dieser letztendlichen
Wahrheit gibt, ist irrelevant - sie ist das letzte Ziel aller,
die Erfüllung der menschlichen Suche.
Mögen Sie
alle diese letzte Wahrheit erleben. Mögen alle Menschen der Welt
die Möglichkeit haben, sich von ihren leidbringenden Negativitäten
und Unreinheiten zu befreien. Mögen sie wirkliches Glück, wirklichen
Frieden, wirkliche Harmonie erfahren.
MÖGEN ALLE WESEN GLÜCKLICH
SEIN!
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